Die Christianisierung des Antirassismus

Diakonie-Hamburg
Die symbolische Verbindung von Moscheen, Kirchen und Synagogen durch Menschenketten als Umsetzung staatlicher Politik: Integration über Religionisierung des Sozialen.

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Mit den bundesweiten Menschenketten-Aktionen „Hand in Hand gegen Rassismus – für Menschenrechte und Vielfalt“ am 18./19. Juni 2016 wurde erstmals unter dem Label des Antirassismus ganz direkt und explizit für die Re-Religionisierung des gesellschaftlichen Lebens mobilisiert.
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Mit einer „Menschenkette“ hat am 19. Juni 2016 auch „Hamburg“ ein „solidarisches Zeichen gegen Rassismus“ und für „Toleranz und Vielfalt“ gesetzt. Was diese Menschenkette von den bislang üblichen „zivilgesellschaftlichen“ Selbstinszenierungen unterscheidet (die häufig über staatlich finanzierte Kampagnenteams angeschoben werden) ist ihre unverblümte „interreligiöse“ Ausrichtung. In dieser Massivität hatten klerikale Kräfte und Zielsetzungen bisher noch keinen „Aufstand der Anständigen“ geprägt:

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Erklärtes Ziel der Hamburger Kette war

verschiedene religiöse und kulturelle Institutionen miteinander zu verbinden“ (Aufruf Hand in Hand gegen Rassismus).

Es ging darum, drei „religiöse Orte“ symbolisch „Hand in Hand“ miteinander zu verbinden. Das „Zeichen für Toleranz und Vielfalt“, das man damit setzen wollte, sollte also ausdrücklich eine religiöse Dimension haben.

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Die Kette sollte

► „ die Al-Nour Moschee in St. Georg (Kleiner Pulverteich 17) mit der evangelischen Hauptkirche St. Petri (Mönckebergstraße) und dem Zentrum der Jüdischen Gemeinde (Grindelhof 30) verbinden“ (Hamburger Abendblatt, 14.6.2016).

► „Wir hoffen“, so Holger Wagner vom „Organisationsteam des Aktionsbündnisses der Kette für Hamburg“, „dass am Sonntag ganz viele unterschiedliche Menschen um 16.30 Uhr zum Rathausmarkt kommen und es uns gelingt, die Kette wirklich zu schließen –
vom alten jüdischen Grindelviertel bis zur Al-Nour-Moschee“.
(Zeit, 14.6.2016)

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Bezeichnend war, dass das „Aktionsbündnis“ es nicht für erforderlich hielt, diese Ausrichtung auf religiöse Orte weiter zu begründen. Auch die Hamburger Medien berichteten nur, dass für die rund 4 Kilometer lange Strecke 3500 Menschen benötigt werden. Warum ausgerechnet Religionen etwas mit „Toleranz“ zu haben sollen, bedurfte offenbar keiner weiteren Begründung:

Wo einst Multi-Kultur die Metapher für gelebte Toleranz & Vielfalt war, ist es jetzt ganz selbstverständlich die Multi-Religiosität.
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Angesprochen auf diese qualitative Bedeutungsverschiebung hin zum Religiösen, reagierten gerade Mitmacher, die NICHT aus kirchlichen Milieus kommen, überrascht: Darüber dass sie eine Kette zwischen drei als religiös definierten Orten bilden, hätten sie bislang noch nicht nachgedacht. Doch dann fiel ihnen der Grund doch noch ein: Die Verbindung von Christenkirche, jüdischem Gemeindezentrum und Moschee sei ein Statement gegen antimuslimischen Rassismus.

Fragt man nach, wie genau das zu verstehen ist, wird es wieder schwierig. Man wollte „ein Zeichen“ setzen durch die Verknüpfung von drei „religiösen Orten“, aber man ist – obwohl alles so selbstverständlich zu sein schien – nicht darauf vorbereitet, zu begründen, worin denn dieses Zeichen besteht? Die Begründung, die nach einigem Nachdenken kommt, lautet ungefähr so: Es gibt rechte Angriffe auf die Religion migrantischer Minderheiten. In dieser Situation stehen die anderen Religionsgemeinschaften der bedrängten Religion bei. Das wird durch die Menschenketten-Vernetzung von Moschee, Kirche und Synagoge symbolisiert.

Eine Abgrenzung vom „antimuslimischen Rassismus“ erfordert also aus dieser Sicht die „Solidarität der Religionen“. Aufklärung und Religionskritik sind in dieser Situation eher unpassend. Gegen Rassismus zu sein, bedeutet jetzt vor allem Teilnahme am Inter-Religiösen Dialog.

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Ganz selbstverständlich werden Migranten und Flüchtlinge von den Menschenketten-Aktiven pauschal dem Islam zugeschlagen, also einer Religion/Ideologie, die offenbar untrennbar und geradezu naturhaft mit diesen Menschen verbunden ist, weshalb jede Kritik der Ideologie ein Angriff auf die Personen ist, die ihr anhängen. Es ist bemerkenswert, dass man eine solche naturhafte Verbindung zwischen Christentum und Christen nicht vermutet.

Die konkreten Menschen werden so betrachtet, dass sie zum Inter-Religiösen Dialog passen. „Muslimisch“ wird einfach als ethnopluralistische Kategorie benutzt, d.h. man verwendet „Muslim“ (Anhänger des Islam) als „ethnische“ oder „kulturelle“ Bezeichnung (es bleibt offen, wen man zu dieser „Ethnie/Kultur“ zählt).

Auf die Frage, woran SIE denn die religiöse Zugehörigkeit von Migranten und Flüchtlingen erkennen, antworten die Menschenketten-Teilnehmer mit denselben Stereotypen (Aussehen, Sprache) wie der gewöhnliche Rassist. Nur dass der Rassist sich für solche Feinheiten letztlich nicht wirklich interessiert: bei den bekannten „fremdenfeindlichen Übergriffen“ ist es den Tätern ganz egal, welcher Religion ihre Opfer anhängen. Für sie sind arabische Christen oder Juden, asiatische Touristen, Bauarbeiter marokkanischer Herkunft oder afrikanische Atheisten die gleichen Fremden.

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Es sind die Freunde von Toleranz & Vielfalt, die alle diese Übergriffe unter „antimuslimisch“ subsummieren, weil sie selbst ein Gleichheitszeichen zwischen „Muslim“, „Kultur“, „ausländischem Aussehen“ etc. machen. Weil sie „muslimisch“ für eine Ethno-Religion halten (alle Fremden gehören für sie zur „Rasse der Muslime“, die vor allem in Moscheen anzutreffen ist) wäre aus ihrer Sicht jede kritische Anmerkung im Geist der Aufklärung ein Angriff auf Personen, die mit dieser Religionsrichtung offenbar unentrinnbar verbunden sind.

Und weil man das so sieht bzw. sehen will, setzt sich die Überzeugung durch, dass es besser ist, auch andere Religionsrichtungen in Ruhe zu lassen, denn auch antichristliche bzw. generell antireligiöse Positionen führen am Ende unvermeidlich auch zur Respektverweigerung gegenüber der hier minoritären Ethno-Religion. Wer „den Islam angreift, greift alle Religionen an“ rief am 19. Juni Aiman Mazyek unter dem Beifall der Antirassisten über den Hamburger Rathausmarkt. In der Formulierung „wer den ISLAM angreift“ wird willkürlich eine Ideologie/ Religion gleichgesetzt mit den Menschen, die ihr anhängen und diese Gleichsetzung wird sofort auf alle Ideologien/Religionen ausgedehnt. Aufklärung und Ideologiekritik sind damit als Rassismus entlarvt. Dieser Antirassismus ist ins Lager der Gegenaufklärung gewechselt.

Die Kritik an der „Islamophobie“ radikalisiert sich am Ende zum Vorwurf der Religionsphobie.

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Blasphemie
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Das deutsche Mittelschichtpublikum, aus dem diese Menschenketten überwiegend bestehen, definiert Migranten und Flüchtlinge mit Vorsatz pauschal als „fromme Muslime“, denn man weiß durchaus, dass aus den Ländern, in denen der Islam Staatsreligion ist, viele kommen, die vom religiösen Terror die Nase voll haben.

Man liest in diesen Milieus „Qualitätszeitungen“ wie ZEIT, FAZ, SZ etc., und dort erscheinen durchaus Berichte über Kopftuchzwang, islamische Religionspolizei, Peitschenhiebe für blasphemische Blogger, Hinrichtungen von Homosexuellen und vieles mehr. Aber kaum sind die Menschen, die dem entkommen sind hier, werden sie auf eine muslimische Identität verpflichtet und sogar als Pegida-Stichwortgeber denunziert, wenn sie schlecht über den Islam reden.

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Mit anderen Worten: die Menschketten-Macher interessieren sich überhaupt nicht für die Geschichten dieser Menschen, sondern nur für sich selbst. Sie wollen nicht darüber sprechen, dass in Ländern mit Staatsislam Leute an der Macht sind, die man hier – würden sie sich als Parteien oder politische Bewegungen zu erkennen geben statt sich als Religionsvereine auszugeben – den RECHTSRADIKALEN zuordnen würde.

Indem sie all das aber unter Religion & Kultur subsummieren und so der Kritik entziehen, stärken sie mit jeder Menschenkette die Kräfte der Gegenaufklärung , die ja nicht auf deutsche Pegida-Bewegungen beschränkt sind. Man ist als Patriot gegen deutsche Nazis (die dem deutschen Ansehen und Export schaden) und paktiert zugleich mit klerikalen Bewegungen und Apparaten und über diese dann auch mit religiösen Rechten anderer Aberglaubensrichtungen.

→ Es gibt keinen Antirassismus ohne Aufklärung. Ein Antirassismus, der auf die Stärkung der Religionen hinaus will, verrät die Aufklärung. In Anlehnung an Pier Paolo Pasolini, der in seinem Laizismus-Aufsatz vom Faschismus der Antifaschisten spricht, lässt sich der proklerikale Antirassismus als Rassismus der Antirassisten bezeichnen.

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Die Verwandlung der Rassismuskritik in religiöse Affirmation hat in Deutschland einen langen Vorlauf und strukturelle Voraussetzungen. Die formale Trennung von Staat und Kirche geht in der BRD mit dem Konzept der „fördernden Neutralität“ einher. Diese Trennung funktioniert nach dem Motto: Getrennt marschieren, vereint zuschlagen. Staat und Kirchen bilden in der BRD eine Partnerfirma mit zwei Geschäftsadressen.

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Unter diesen Voraussetzungen musste es so kommen, dass mit der Masseneinwanderung aus islamischen Ländern die Macht der christlichen Kirchen wuchs. Mit dem Ziel einer „besseren religions- und gesellschaftspolitischen Integration der muslimischen Bevölkerung“ rief der deutsche Staat schon 2006 die „Deutsche Islamkonferenz“ ins Leben. „INTEGRATION“ soll seither ausdrücklich über die „Stärkung der religiösen Identität“ erfolgen, über religiöse Gruppenrechte statt über Bürgerrechte und säkulare Emanzipation der Einzelnen.

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Die Ansprache der Einwanderer als religiöses Kollektiv liegt ganz in der antilaizistischen deutschen Logik. Der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ meint:
Weil wir die Macht der christlichen Kirchen nicht antasten wollen, müssen wir wenigstens formal die „fremden Religionen“ unseren Kirchen gleichstellen. Bevor hier jemand die Kirchenprivilegien unter Hinweis auf die Ungleichbehandlung anderer Glaubensrichtungen abschaffen will, schaffen wir uns lieber einen deutschen Staatsislam (mit Hochschaulabschluss) als Minikirche neben den christlichen Mega-Apparaten.

Mit dieser Aufgabe hat der Staat die Kirchen direkt beauftragt. Bei der „Integration des Islam“ ist die evangelische Kirche federführend. Kein „Muslimvertrag“ (so wird das in einigen Zeitungen genannt), der nicht von den Experten des Kirchenapparates formuliert wurde, kein Gesetzentwurf zum Islam, der nicht vor der Verabschiedung erneut den Kirchen zur Begutachtung vorgelegt wird. Was „Gleichstellung des Islam mit dem Christentum“ bedeutet, entscheiden die Christenkirchen zusammen mit dem Staat, dessen Führungspersonal heute fast komplett den beiden Kirchen angehört.

Und genau das ist der Grund dafür, dass man JETZT mit Menschenketten religiöse Orte miteinander verbindet:

Mit der bundesweiten Menschenketten-Aktion „Hand in Hand gegen Rassismus – für Menschenrechte und Vielfalt“ am 18./19. Juni 2016 wurden die (in Berlin geplanten) Aktionen des „hellen Deutschland“ auf das antilaizistische Gleis gesetzt, also an die staatspolitischen Vorgaben angepasst:

► Die Antirassisten sollen mitmachen bei der „Integration“ durch „Stärkung der religiösen Identität“ unter kirchlicher Aufsicht.
Genau das wurde an diesem Wochenende eingeübt. Die Menschenkette war ein Schulungskurs.

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Hand-in-Hand
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Die deutsche „Zivilgesellschaft“ wird schon lange von den Kirchenapparaten dominiert, aber was am 19. Juni 2016 in Hamburg und in weiteren Städten geschah, hat zweifellos eine neue Qualität. ERSTMALS wurde bundesweit eine Menschenkettenbewegung initiiert, die nicht indirekt, sondern unmittelbar für die Re-Religionisierung des gesellschaftlichen Lebens mobilisierte.

Diese Menschenkette war gegenaufklärerischer politischer Gottesdienst. Und diese Christianisierung des Antirassismus richtet sich nicht nur frontal gegen Atheisten und Agnostiker, sondern gegen alle säkularen Kräfte.

Dass diese reaktionäre Orientierung auch von Leuten getragen wird, denen Kirchen und Religionen sonst eher gleichgültig sind, hängt zusammen

• mit den „religiösen Empfindungen der Ungläubigen“ (Sama Maani) : Religionskritik gilt plötzlich als intolerant oder gar rassistisch

• mit dem offiziellen staatlichen Antilaizismus, der die Klerikalen stärkt und die „Ungläubigen“ diffamiert. Der klerikale Antirassismus stellt alles auf den Kopf: Aufgeklärten Menschen, die an keinen Gott glauben, wird ein Defizit an Moral und Werten unterstellt. Sogar Rassismus wird auf einen Mangel an christlichem Glauben zurück geführt, denn „ein Leben in völliger Abkehr von Gott“ gilt proklerikalen Antirassisten als „reduzierte Existenz“ (Martin Mosebach), die das Böse hervor bringt.

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Diese religiöse Aufrüstung

ist inzwischen die von vielen Seiten bevorzugte Entwicklung. Schon die deutsche Willkommenskultur im Sommer 2015 wurde personell von den christlichen Kirchen dominiert wird („Ehrenamtlichkeit“ gehört zum neoliberalen Konzept der pastoralen Macht; zwei Drittel der „Ehrenamtlichen“ kommen aus den Kirchengemeinden). Sie ist antilaizistisch und ethnopluralistisch zugleich, denn sie geht davon aus, dass (a) Religionen und Kulturen unauflöslich mit einer bestimmten „Ethnie“ verbunden sind, (b) Menschen ihre Religion nicht ändern können, (c) Migranten auf „ihre Kultur/Religion“ reduzierbar sind. („Alle Araber sind Moslems, als solche heißen wir sie willkommen“).

→ Für den neuen proklerikalen Antirassismus steht der „RESPEKT vor fremden Kulturen, Bräuchen und Religionen“ im Mittelpunkt, wobei die Religionen nun an die erste Stelle gerückt sind.

→ Aufklärung, Laizität und Blasphemie müssen aus dieser Perspektive abgewehrt werden.

→ Schon nach der Ermordung der Redaktion von Charlie Hebdo gab es kulturrelativistische Antirassisten, die Gotteslästerung als Rassismus darstellten.

Nicht nur die politische Klasse, sondern gerade auch die „Zivilgesellschaft“ ist inzwischen geradezu versessen auf ein Denken in religiösen Identitäten. Der Gedanke, dass in einer aufgeklärten Gesellschaft nur eine einzige Identität den Staat etwas anzugehen hat – die des Bürgers – verschwindet hinter einem folkloristisch-religiösen Identitätsbegriff. Ein offensiver und aggressiver religiöser Diskurs übertönt nun den politischen Diskurs.

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(2)

Gotteslaesterung
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ChristianeSchneider

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Die bundesweite Menschenketten-Aktion „Hand in Hand gegen Rassismus – für Menschenrechte und Vielfalt“ am 18./19. Juni 2016 rechtfertigte Angriffe auf Juden, Homosexuelle, Atheisten und Laizisten.

Die Hamburger Menschenkette sollte symbolisch das Jüdische Gemeindezentrum, eine Christenkirche und eine sunnitische Moschee verbinden. Wer genau sollte da mit wem in einen Zusammenhang gebracht werden?

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„DAS ALTE JÜDISCHE GRINDELVIERTEL“

„Wir hoffen, dass … es uns gelingt, die Kette wirklich zu schließen – vom alten jüdischen Grindelviertel bis zur Al-Nour-Moschee.“

Das alte jüdische Grindelviertel gibt es nicht mehr. Es wurde von den deutschen Tätern und Mitmachern ausgelöscht. Die wenigen Hamburger Juden, die den Holocaust überlebten, gründeten nach 1945 eine kleine jüdische Gemeinde. 1950 begingen im Patzenhofer-Festsaal am Stephansplatz die wenigen überlebenden Hamburger Juden auf Einladung der jüdischen Angehörigen der britischen Armee erstmals das Passah-Fest. 1958, also zwanzig Jahre nach den Novemberpogromen, begann an der Hohen Weide in Eimsbüttel der Bau einer neuen Synagoge mit einem nicht besonders großen Gebetsraum. Selbst nachdem 1990 jüdische Auswanderer aus Osteuropa hinzu kamen, hat diese Gemeinde weniger Mitglieder als jeder Hamburger Turnverein.

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Das als Punkt A auf einer Google-Map markierte eine Ende der Menschenkette – das „alte jüdische Grindelviertel“ – existiert also überhaupt nicht bzw. es existiert nur als Verdrängungsleistung der Menschenketten-Macher. Die Adresse die man dort als Treffpunkt angegeben hatte (und wo sich dann doch keine Menschenkette hinwagte; sie endete weit unterhalb!), WAR vor dem Holocaust die Talmud Tora Realschule für 800 jüdische Schüler. Erst seit 2007 ist das (rund um die Uhr von der Polizei bewachte) Gebäude Verwaltungssitz der kleinen jüdischen Gemeinde. Die Wiederaufnahme des Schulbetriebes begann mit 10 Schülern (derzeit: 23) , und an jüdischen Lehrern fehlt es bis heute. Die geschmacklose Rede vom „alten jüdischen Grindelviertel“ und vom „neuen jüdischen Leben am Grindel“ ist Propaganda, die im Zuge der staatspolitisch angestrebten Wiedergutwerdung der Deutschen entstand. Auch die „Union progressiver Juden“, die offiziell zum Trägerkreis der Menschenkette gehört, ist in diesem Fall ein Etikettenschwindel: Sie ist nicht die „Jüdische Gemeinde Hamburg“ die auf der Menschenketten-Route angezeigt wurde und sie ist in Hamburg kaum existent.

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(b)

DIE AL-NOUR- MOSCHEE

Antirassismus
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Sehr real ist hingegen Punkt B der Menschenketten-Route, also ihr anderes Ende. Es ist die sunnitische Al Nour Moschee am Kleinen Pulverteich in St. Georg.

Als Al-Nour Moschee wird in Hamburg (bekannter ist die Al-Nour Moschee in Berlin) die seit Ende der 1970er Jahre bestehende Centrum-Moschee in St. Georg bezeichnet. Träger ist die „Islamische Gemeinde Hamburg – Centrum-Moschee e.V.“

Eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit erhielt diese Moschee erstmals vor zehn Jahren, als bekannt wurde, dass dort Milli Göruş-Islamisten antijüdische Kinderfilme verkauften, darunter die iranische Hetzserie „Die Kinder der Al-Aksa-Moschee“.

Im Oktober 2014 verschanzten sich Salafisten in der Moschee, die zuvor mit Messern Kurden angegriffen hatten. Die Moschee-Leitung distanzierte sich danach, aber das ändert nichts daran, dass die Salafisten dort nicht grundlos Schutz suchten.

Ganz in der Nähe liegt übrigens die Al-Quds-Moschee, in der sich seinerzeit einige der Attentäter vom 11. September 2001 trafen. Dieses Kapitel wurde auch von der offiziellen Hamburger Politik nie „aufgearbeitet“: Warum konnten sich die islamistischen Massenmörder so ungestört in Hamburg vorbereiten?

Die „Islamische Gemeinde Hamburg – Centrum-Moschee e.V.“ hat vor einiger Zeit im Hamburger Stadtteil Horn eine aufgegebene christliche Kirche, die Kapernaum-Kirche, gekauft, die zu einer Moschee umgebaut wird. Ein erheblicher Teil der Kosten wird von Kuwait bezahlt.

Im Hamburger Abendblatt vom 22.08.2015 heißt es dazu:

Kuwait finanziert Moschee-Umbau in Horn
Auf dem Turm der ehemaligen evangelischen Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn glänzt seit diesem Sommer der arabische Schriftzug „Allah“ in der Sonne. Die Sanierung und der Umbau erwiesen sich als erheblich teurer als gedacht. Daniel Abdin, Vorsitzender des Islamischen Zentrums Al-Nour, der auch Vorsitzender der Schura, des Rates der islamischen Gemeinden in Hamburg, ist sagt: „Wir haben uns an den kuwaitischen Staat gewandt. Der kuwaitische Staat ist einer der demokratischsten in der Golfregion.“ Und was erwartet das Emirat von Al-Nour im Gegenzug? „Es gibt null Bedingungen“, versichert Abhin.

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Für die Al-Nour-Moschee ist Kuwait
„einer der demokratischsten Staaten in der Golfregion“.

Wie das gemeint ist, zeigen schon wenige Beispiele:

Welt, 17.12.2015
Juden raus!
Kuwaits Fluglinie will keine Israelis an Bord haben. Die Fluggesellschaft des Öl-Emirates will London und New York nicht mehr bedienen. Der Grund: Die USA wollen sie zwingen, israelische Fluggäste an Bord zu nehmen. Das lehnt die Airline ab.

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Tagesspiegel, 11.10.2013
„Schwulentest“: Kuwait will Homosexuelle an Einreise hindern
Ein kuwaitischer Politiker will mit medizinischen Tests Schwule entlarven – und sie an der Einreise nach Kuwait und andere Golfstaaten hindern. Wie der Test aussehen soll, verriet der Politiker nicht – doch ein kritisches Youtube-Video skizziert makabre Ideen. Erst im Mai hatten kuwaitische Polizisten 215 Schwule und Lesben in einer groß angelegten Razzia in mehreren Internetcafés festgenommen. Und im Jahr 2010 wurde die Ausstrahlung eines ägyptischen Films („Bidun Rakaba“ – Ohne Kontrolle) verhindert, der neben Drogengebrauch auch Homosexualität thematisierte.

Hinweis: Mit 7 Jahren Gefängnis werden Homosexuelle in Kuwait bestraft.

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Welt, 03.05. 2012
Kuwait beschließt Todesstrafe bei Blasphemie
Wer Gott oder den Propheten Mohammed in Kuwait verunglimpft, soll in Zukunft mit dem Tod bestraft werden. Das Parlament hat ein entsprechendes Gesetz beschlossen. Nicht-Muslimen droht Haft.

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Θ Das interessierte Desinteresse der Menschenketten-Antirassisten an der Al-Nour-Moschee

Wenn sie es wissen wollten, könnten diese Tatsachen all den Leuten, die in Hamburg eine Menschenkette ausgerechnet von der A-Nour-Moschee bis zum Jüdischen Gemeindezentrum bildeten, bekannt sein. Es stand ja in ihren Zeitungen.

Darauf angesprochen, erinnerten sich einige dunkel, dass da etwas war. Aber so genau wusste man es nicht mehr. Einige meinten, vielleicht wäre es klüger gewesen, die Blaue Moschee an der Alster zum Ausgangspunkt zu machen. Nach dem Hinweis, dass die vom irakischen Gottesstaat kontrolliert wird, kam die Frage auf, wo denn die liberalen Moscheen zu finden sind. Liberal ist dummerweise sehr relativ. Aus der liberalen Fraktion gibt es zum Beispiel die Warnung, dass Schweinefleisch schwul macht. Wer so denkt, aber deshalb niemand umbringen will, gilt als liberal.

Der entscheidende Punkt ist, dass die Menschenketten-Macher das alles gerade deshalb nicht wissen wollen, weil sie ihren „interreligiösen Antirassismus“ durchsetzen wollen. Sie wissen es oder könnten es wissen, aber es passt nicht ins Konzept, es zu wissen.

Antisemitische Filme? Geld aus dem „demokratischen Kuwait“? Das hindert proklerikale Antirassisten nicht daran, die Jüdische Gemeinde (die nicht gefragt wurde und auch nicht teilgenommen hatte) per Menschenkette symbolisch ausgerechnet an die Al-Nour-Moschee anzubinden. Man nutzt pseudo-antirassistische Argumente, um Kritik am Islamismus als rassistisch zu denunzieren, und das vor allem wenn es um Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Schwulenfeindlichkeit und um Elemente des Islam geht, die mit faschistischen Ideologien – im Sinn einer romantisch-antiaufklärerischen Gegenmoderne mit totalem Herrschaftsanspruch – vergleichbar sind.

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(c)

HAUPTKIRCHE ST. PETRI

Hauptträger der Hamburger Menschenkette ist der Apparat der finanzstarken und einflussreichen evangelischen Nordkirche. Deren Hauptkirche St. Petri in der Mönckebergstraße bildete die Zwischenstattion zwischen Al-Nour und dem Grindelviertel.

Die Nordkirche hat ein besonderes Interesse daran, die „Flüchtlingsfrage“ zur Re-Religionisierung der Gesellschaft zu nutzen. Sie wird dabei in jeder Hinsicht vom Staat und von einem erheblichen Teil der „Zivilgesellschaft“ unterstützt. Allen geht es um eine Politik der Anerkennung der religiösen Identität.

Wenn soziale Fragen im Kontext der „Flüchtlingskrise“ in religiöse umdefiniert werden, wertet das die Stellung der Kirchen erheblich auf. Sie wollen dem Religiösen endlich wieder den Platz zukommen zu lassen, den es ihrer Meinung nach verdient. „Strenggläubige Muslime“ sieht man dabei durchaus als Helfer,

••• „weil ein Muslim einen Christen mehr respektieren wird als einen, der nichts glaubt“ (de Maizière).

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In ähnlichen Worten steht das so auch auf der Homepage der Sankt-Petri-Kirche:

Homepage St. Petri:
Menschenkette zwischen Al-Nour-Moschee, Hauptkirche St. Petri und Talmud-Thora-Schule
In Hamburg betont die Aktion „Hand in Hand gegen Rassismus“ mit der Auswahl dieser drei markanten Orte, wie wichtig das gute Miteinander der Religionen für den Frieden (sic!) in der Stadt ist. Religiöse Identität sieht in Menschen unterschiedlicher Religionen nicht den Angriff auf den eigenen Glauben. Vielmehr formt sich mein eigener Glaube erst im Gespräch mit Anderen.

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Nordkirche
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Anmerkungen und Zitate

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Die Menschenkette als Protestform

Händchenhalten als politische Aktionsform wurde Anfang der 1980 Jahre von der deutschen Friedensbewegung etabliert. 1983 bildeten 200.000 Friedensbewegte eine Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm. Den Nato-Doppelbeschluss hat das nicht verhindert, aber die Teilnehmer schwärmten noch lange von dem „Gänsehaut-Moment“, als die Meldung von der Schließung der Kette kam. Der bisherige Rekord wurde dann 1989 aufgestellt, als zwei Millionen Balten eine Kette quer durch Estland, Lettland und Litauen bildeten, um von der Sowjetunion die „nationale Unabhängigkeit“ zu verlangen – mit freundlicher Unterstützung der Nato.

Als Schwundform von Zivilcourage und Protest wurde die Menschenkette nach 1990 vor allem in Deutschland inflationär. Musste bei einer Demonstration noch politisch argumentiert werden, präsentierten Kettenteilnehmer schlicht sich selbst als Teil einer sprachlos-friedfertigen Masse. Eine Atmosphäre zwischen Kirchentag und Wir-sind-das-Volk.

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Vom „Runden Tisch“ zur Menschenkette

Für die Menschenkette zwischen Al-Nour-Moschee + Talmud-Thora-Schule gibt es ein Vorbild. Es liegt in Pinneberg:

Welt, 22.01.11
Bürgermeisterin will „ Runden Tisch“
mit Juden und Judenhassern

Pinneberg wird zum Mekka für Islamisten. Nun hat ein Besucher der örtlichen Moschee zum Judenmord aufgerufen. Die Bürgermeisterin plant einen „Runden Tisch“. Kristin Alheit will, dass Ruhe in Pinneberg einkehrt. Keine Gewaltaufrufe mehr im Internet, keine volksverhetzenden Beleidigungen wie „dreckiger Jude“ und keine Zeitungsartikel über ihre Stadt als Zufluchtsstätte für Islamisten. Für Februar will sie Vertreter der in Pinneberg vertretenen Religionsgemeinschaften nun an einen „Runden Tisch“ bitten, „um die Lage zu beruhigen“. Der von dem Gewaltaufruf betroffene Vorsitzende der jüdischen Gemeinde muss dann mit den Vorständen der Al-Sunnah-Moschee diskutieren – mit den Leuten also, in deren Moschee der Autor der Gewaltandrohung verkehrte.

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„Religionskritik ist wie Homophobie“

Menschen anderer Hautfarbe, Religionen, aber auch Lesben, Schwule, Transgender, hauptamtliche und freiwillige Helferinnen und Helfer, Politikerinnen und Politiker werden in Deutschland beschimpft und angegriffen. (Aufruf)

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Inter-Religiöser Dialog

Hinz + Kunzt, 27.6.2013 (Herausgeber: Diakonie)
Keine Vorurteile gegen Islamismus
Im Umkreis der Al-Nour-Moschee, die immer größer wurde, hat sich über die Jahre sunnitisch-türkisches Leben ausgebreitet. Der Verfassungsschutz sieht die Moschee zwar in „islamistischem“ Fahrwasser, steht mit dieser Meinung aber ziemlich allein.

Hamburger Abendblatt, 5.3.2016
Al-Nour-Moschee: Wo Muslime im Akkord beten
„Die Flüchtlingskrise hat aus einem Routinegebet eine Massenveranstaltung gemacht. Vor ein paar Monaten waren es noch Hunderte, inzwischen strömen bis zu 2500 Gläubige an einem Freitag an den Kleinen Pulverteich.“

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Christliche Missionsarbeit als
„interkultureller Konfirmandenunterricht“

Nordkirche
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Als Redner auf dem Hamburger Rathausmarkt wurde neben Ayman Mazyek (Vorsitzender des Zentralrats „der“ Muslime) und Dirk Ahrens ( Chef des Unternehmerverbandes „Diakonischen Werk“) als „Geflüchteter aus Somalia“ auch Indho Abyana angekündigt.

Die Geschichte des jungen Abyan wird in den zahlreichen Publikationen der Nordkirche immer wieder erzählt. Abyan wird auch regelmäßig auf religiösen Veranstaltungen und Kongressen präsentiert. Allerdings wird nirgends erklärt, warum er in den ersten Jahren noch Indho Mohamud Abyan hieß und jetzt nur noch Indho Abyan.

Man ahnt es, wenn man sich die Missionstätigkeit der Nordkirche anschaut. Dazu gehört zum Beispiel ein „interkultureller Konfirmandenunterricht“ mit jungen Migranten und Flüchtlingen. „Jugendliche erfahren hier“, so heißt es, „dass Religion wie ein Brücke sein kann.“ Zum Beispiel eine Brücke von einem Aberglauben zu einem anderen.

Berichtet wird über diese Kurse u.a. in der Nordkirchen-Publikation WELT-BEWEGT, einer Zeitschrift für „Mission und Ökumene“. Theresia, eine der interkulturellen Konfirmandinnen, wird mit den Worten zitiert: „Was ALLE Menschen verbindet, ist der Glaube. Unsere wahre Identität liegt einfach im Glauben.“

Junge Leute werden hier systematisch zu Gegnern von Aufklärung, Laizismus und Atheismus ausgebildet. Sie leben schon jetzt in einer Welt, in der „Toleranz & Vielfalt nur zwischen Gläubigen gilt, nicht aber für Ungläubige, die es eigentlich garnicht geben sollte und mit denen einen einfach NICHTS verbindet.

In diesem Milieu wird auch der als Paradebeispiel für eine gelungene religiöse Integration herum gereichte Indho (Mohamud) Abyan indoktiniert. Zuletzt wurde er auf einer mehrtägigen Missionskonferenz als Gast präsentiert. Und es gibt viele Missionskonferenzen im Norden:

Hinter der “interkulturellen“ Missionstätigkeit der Nordkirche steckt ein riesiger Apparat, der weitgehend vom Staat bezahlt wird. Teil dieses Apparates ist – man glaubt es nicht – eine staatsfinanzierte (!) „Missionsakademie an der Universität Hamburg“, zu der eine „Deutsche Gesellschaft für Missionswissenschaft“ gehört. Christenmission gibt es also als Studienfach an der Uni.

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Islam-Neid

Nordkirche
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Die Kirchen können ihren Islamneid kaum verbergen, denn dort wird – angeblich – noch richtig fest geglaubt: „Die an Glaubenswissen verarmten Deutschen können von Muslimen wieder lernen, wie man öffentlich seinen Glauben zeigt.“ (Jesus.de)

Man beneidet den Islam als Ordnungsfaktor und als eine ideologische Macht, die Unterwerfung als „antidekadenten“ Tugendterror durchsetzt. Aus der Re-Islamisierung migrantischer Milieus macht man vor allem ein Argument für die Re-Christianisierung des öffentlichen Lebens: “Muslimische Schüler erwarten von ihren christlichen Klassenkameraden eine christliche Erkennbarkeit” (Tebartz-van Elst, Ex-Bischof von Limburg).

Als es vor einigen Jahren auf dem Deutschen Juristentag um die Ein führung einer staatlich sanktionierten Islam-Lehre an deutschen Schulen ging, gab es 115 Ja-Stimmen und zwei Ablehnungen. Die Debatte war von der Erwartung bestimmt, dass sich dadurch der christliche Religionsunterricht an staatlichen Schulen noch besser rechtfertigen lasse. Selbst die FAZ wunderte sich: „Freunde der Laizität gibt es hier kaum – nur eine Handvoll Teilnehmer sträubt sich gegen religiöse Symbole in der Schule.“

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Die Religions-Routen in anderen Städten

Die Routen der Menschenketten-Aktionen „Hand in Hand gegen Rassismus – für Menschenrechte und Vielfalt“ am 18./19. Juni 2016

MÜNCHEN
„Die Menschenkette verband symbolisch mehrere Glaubensgemeinden wie die Sankt-Michaels-Kirche, die israelitische Kultusgemeinde und das Münchner Forum für Islam.“

LEIPZIG
„Die Menschenkette verband symbolisch lokale Moscheen, die Nikolaikirche und das Synagogenmahnmal.“

BERLIN
„Die Menschenkette verband symbolisch das Rote Rathaus und eine Flüchtlingsunterkunft. Eine Moschee, eine Kirche und die Jüdische Gemeinde zu Berlin liegen auf der 6,5 Kilometer langen Route.“

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Radiosendung
zum Thema Französischer Laizismus/ deutscher Anti-Laizismus. FSK-Hamburg 93 FM.

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gj, kontakt dbd (at) riseup.net

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