Charlie Hebdo – zwei Jahre nach dem islamistischen Mordanschlag

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Die in deutscher und französischer Sprache erschienene Charlie Hebdo-Ausgabe zum zweiten Jahrestag des Mordanschlags auf die Redaktion ist besonders gelungen.

Diese Ausgabe zeigt erneut: Eine vergleichbare linke Zeitschrift gibt es hier nicht, weil der deutsche Antilaizismus auch bei Leuten hegemonial ist, die sich für antirassistische Linke halten. Die Zeichnungen und Texte in Charlie Hebdo wirken hier als sei das Blatt von einem anderen Stern. Ganz selbstverständlich ziehen sich blasphemische Bemerkungen durch das ganze Heft, und es wird schnell klar, dass diese Art der Gotteslästerung nicht mit den Papst-Witzen in der Titanic oder einem „Blasphemie-Schwerpunkt“ in Jungle World vergleichbar ist.

Mit dem Recht auf Gotteslästerung wird die Laizität verteidigt, die es in Deutschland überhaupt nicht gibt. Und sie wird bewusst auch gegen den Islam verteidigt, der sich als Opfer der Laizität inszeniert und mit seinen Symbolen und vielen Varianten des Terrors in den öffentlichen Raum drängt. Die Verteidigung des Rechts auf Gotteslästerung haben 12 Mitarbeiter von Charlie Hebdo mit dem Leben bezahlt.

Der „Titanic“-Chef Tim Wolff sagte vor 2 Jahren: „Satire muss möglich sein, ohne dass man erschossen wird“. Er und andere haben überhaupt nicht verstanden, dass nicht Satire „an sich“ den Islamisten nicht passte, sondern das Beharren auf blasphemische Polemik gegenüber ALLEN Varianten des Aberglaubens und die Tatsache, dass diese polemische Blasphemie die praktische Verteidigung einer gesetzlichen Laizität darstellt.

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Inhalt von Charlie Hebdo
Nummer 1276 vom 5. Januar 2016
(Titel: „2017 – endlich Licht am Ende des Tunnels“)

„Ein politisches Verbrechen“

In seinem Editorial zeigt Riss überzeugend, dass viele Kräfte ein Interesse daran haben, die Besonderheit des Angriffs auf Charlie Hebdo zu de- realisieren. Der Fall Charlie Hebdo erscheint nach 2 Jahren als ein Attentat unter vielen. Es war aber ein politisches Verbrechen mit dem klaren Ziel, Personen wegen ihrer politischen Meinung zu töten. Darum ging es nicht beim Bataclan und in Nizza.

Im Januar 2015 hatten das viele in Frankreich begriffen. Für Charlie Hebdo gingen vier Millionen auf die Straße.

Zugleich gab es nicht wenige Muslime, ethnopluralistische Linke und Bürgerliche, die im Attentat in der Rue Nicolas Appert eine verdiente oder eine selbstverschuldete Strafe für eine „überzogene Religionskritik“ sahen. Auch weil man darüber heute nicht mehr sprechen will, gibt es ein Interesse daran, die Besonderheit dieses Anschlages in Vergessenheit geraten zu lassen.

Bemerkenswert ist, dass es auch zwei Jahre danach kaum Bücher über dieses Massaker gilt – außer den Comic-Bänden der Überlebenden. In den meisten linken Milieus war der Charlie Hebdo schon im Januar 2016 keine Zeile mehr wert (s. dazu diese Sendung). In den etablierten Medien wiederum berichtet man gerne über Verwerfungen innerhalb der Redaktion, allerdings ohne dass es dabei darum geht, die Emotionen enttäuschter Mitarbeiter verständlich zu machen.

„Verrat der Ideale bei Charlie Hebdo“

Die FAZ erhob am 5.1.2017, also zum 2. Jahrestag des Anschlages den Vorwurf „statt Mitgefühl und Solidarität unter den Opfern“ bestimmten bei Charlie Hebdo heute „Macht- und Verteilungskämpfe den Redaktionsalltag“. Man beruft sich auf ein „Enthüllungsbuch“ von zwei Journalisten, die bei dem rechten Blatt „Le Point“ und bei den linken Charlie-Hassern von „Le Monde“ beschäftigt sind. Diese Gegner eines „übertriebenen Laizismus“ behaupten, Charlie Hebdo habe seine „Ideale verraten“. Dabei waren es gerade diese „Ideale“ die man stets ablehnte und Charb sogar vorwarf, er habe mit seiner antiislamischen haltung den Tod seiner Kollegen geradezu heraus gefordert. Warum es geht, sagt die FAZ selbst: „Das Buch rüttelt an dem Mythos der moralischen Überlegenheit der Charlie-Leute“.

Es gibt tatsächlich Veränderungen bei Charlie Hebdo, aber die haben nicht zuletzt mit dem (Nicht-)Verhalten der anderen zu tun: Die Mord-Kampagnen von iranischen Mullahs, der Muslimbrüder und des IS gegen Romanautoren, Karikaturisten und Filmemacher waren ja durchaus erfolgreich:

Seit dem Januar 2015 sind im Westen keine Mohammed-Karikaturen mehr erschienen! Aus Angst! Aus Angst, die oft rationalisiert wird mit ideologischen Beschwichtigungen , die sich wiederum einfügen in die Beschwichtigungen liberaler Verteidiger der „Religionsfreiheit“.

Schon vor dem ersten Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ im Jahr 2011 gab es bekanntlich zahlreiche Versuche, Islamkritiker zum Schweigen zu bringen: 1979 Khomeneis Auruf gegen Salman Rushdie, 2004 die Ermordung von Theo van Gogh, 2010 die Angriffe auf die Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard und Lars Vilks und 2011 der Anschlag auf „Jyllands-Posten“.

Als die beiden Schreiberlinge von „Le Point“ und „Le Monde“ bei Charlie Hebdo wegen Interviews nachfragten, antwortete ihnen Riss:Ein derartiges Verbrechen wirft Fragen über den Platz der Religion in unserer Gesellschaft auf, die viele aus Feigheit leugnen“. Deshalb seien nur zu diesen Fragen Recherchen angebracht. Alles andere seien Ablenkungsmanöver.

Genau so ist es: Heute erfahren wir aus der FAZ und anderen Blättern dass die Abo-Zahlen nach dem Massaker von 8000 auf 200.000 stiegen, dass die Redaktion eine Marketingfachkraft verpflichtet hat, die auch für andere Kunden arbeitet, dass der „Geldsegen“ in das Projekt gesteckt wurde statt es ihn auf die Opferfamilien zu verteilen etc. Außerdem wir gerne erwähnt, wer heute nicht mehr dabei ist.

Das sind alles üble Spiele, die dazu dienen, nicht mehr über das politische Verbrechen reden zu müssen. Es ist ja wohl sinnvoll, das Blatt mit dem Geld von 2015 langfristig abzusichern. Opferentschädigung zahlt der französische Staat. Charlie Hebdo kann nur als ist eine politische Zeitung weiter machen. Viele wichtige Leute, oft zufällig Überlebende, sind abgesprungen, weil sie es einfach nicht mehr aushalten. Andere wie Zineb el Rhazoui, Charlie-Zeichnerin und Autorin von Détruire le Fascisme Islamique, halten es auf andere Weise nicht mehr aus: sie möchten den Kampf gegen den Islamfaschismus mehr oder weniger zum Hauptthema von Charlie Hebdo machen. Aber das war es aber schon vor 2015 nur in der Wahrnehmung von Muslimen und ethnopluralistischen Linken. Von 523 Titelseiten der zehn Jahre davor handelten nur 38 von Religion und nur 7 vom Islam.

Aber wozu erzählt man diese Geschichte vom „Verrat an den Idealen von Charlie Hebdo“ ausgerechnet deutschen Zeitungslesern?

2013 berichtete „Die Zeit“ über den Charlie-Hebdo-Comic-Band „La Vie de Mahomet“. In den abgedruckten Zeichnungen von Charbs schwärzte diese antilaizistische Wochenzeitung jedoch den „Propheten“ des Islam! Es sei „nicht anständig, Menschen (!) zu beleidigen“ lautete damals die Begründung: Religionskritik sei Beleidigung religiöser Gefühle.

Die „Berliner Zeitung“ hatte ein Jahr zuvor die Karikaturen von Charlie Hebdo sogar als „primitive Provokation“ bezeichnet. Als Kurt Westergaard 2010 mit einem Medienpreis ausgezeichnet wurde, verurteilten die Grünen ein Rede Merkels auf der Veranstaltung mit der Begründung, das verschärfe den Konflikt zwischen Muslimen und dem Westen. Aus diesen Ecken kommen heute die meisten Berichte über den „Verrat an den Idealen von Charlie Hebdo“

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„Wir haben Charlie Hebdo getötet“

Nachdem die Kouachi-Brüder die Charlie Hebdo-Macher ermordet hatten, liefen sie auf die Straße und riefen: „Wir haben Mohammed gerächt, wir haben Charlie Hebdo getötet.“ Zwei Jahre später behaupten verschiedene Leute aus verschiedenen Gründen, dass die Islamfaschisten Charlie Hebdo doch noch zum Schweigen gebracht haben. Unter denen die das sagen, sind auch viele derjenigen, die bei jedem neuen Terroranschlag tagelang kein islamistisches Motiv erkennen wollen und daran selbst dann noch zweifeln, wenn der IS das Bekennervideo ins Netz stellt.

Aber noch haben die Barbaren nicht gewonnen. Das Verschwinden von Charlie Hebdo wäre jene ‚Soumission‘“ von der Houellebecqs Roman handelt. Die Leute bei Charlie Hebdo sind sicherlich müde und sie wehren sich, dass andere ihnen die ganze Last einer sehr einseitigen Rolle zuschieben wollen. Nach dem Tod ihrer wichtigsten Leute ist die Zeitschrift zweifellos nicht mehr dieselbe, aber sie ist künstlerisch und redaktionell bisher keineswegs erstickt.

In dem Editorial der Ausgabe 1276 beschreibt Riss sehr gut die Lage:

Sobald wir bei Charlie Hebdo den Terrorismus erwähnen wollten, schienen für uns andere physikalische Gesetze zu gelten. Denn Charlie Hebdo trägt das Brandzeichen einer Geschichte, die nicht die der anderen Medien ist.“ „Was bedeuten schon die gehässigen Kläffer und die eingebildeten Affenärsche, Charlie Hebdo setzt seinen Weg fort. … die am 7. Januar ermordeten Mitglieder von Charlie Hebdo haben bis zum Ende gekämpft. Das Schicksal ihrer Nachfolger wird sein, ebenso leidenschaftlich dasselbe zu tun.“

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