Wolfgang Seibert – „Faktenfinder“ des Spiegel entlarven „falschen Juden“

„Seit 15 Jahren steht ein vorbestrafter Betrüger und Hochstapler an der Spitze einer jüdischen Gemeinde Schleswig-Holsteins – hofiert von
Pastoren, Journalisten und der linken Szene“. Gleich vier Leute seines „Investigativ-Teams“ hat der SPIEGEL über Wolfgang Seibert, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Pinneberg, recherchieren lassen. Und am 20. Oktober 2018 dann gleich drei Seiten im Heft für eine Enthüllung freigeräumt, deren Botschaft eindeutig ist:

„Wer sich in eine jüdische Identität flüchten kann, darf damit rechnen, unangreifbar zu sein“.

Anders gesagt: Ohne den deutschen „Schuldkult“ – den Begriff hat eben nicht die AfD erfunden – , wäre es soweit nicht gekommen.

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Das HAMBURGER ABENDBLATT textete am selben Tag eine Zusammenfassung hinterher:

„Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Pinneberg ein Hochstapler? Wolfgang Seibert soll gar kein Jude sein. Nach Recherchen des „Spiegel“ ist Seibert weder gebürtiger noch konvertierter Jude. Demnach kam er am 16. August 1947 als Sohn evangelischer Eltern in Frankfurt am Main zur Welt und sei drei Tage später getauft worden. Auch seine Großeltern seien evangelisch gewesen. Seiberts Behauptung, seine Großmutter Anna Katharina Schmidt (geborene Marx) sei Auschwitz-Überlebende, könne nicht stimmen, weil schon ihr Großvater evangelisch gewesen sei. Jüdische Vorfahren seien auch insofern unwahrscheinlich, schreibt der „Spiegel“, weil Seiberts Großvater väterlicherseits im Zweiten Weltkrieg Unteroffizier und sein Vater Grenadier gewesen seien. Hätte man sie als Juden betrachtet, wären sie nicht zur Wehrmacht eingezogen worden.

Darüber hinaus sei Seibert laut Bericht mehrfach wegen Betrugs und Unterschlagung vorbestraft. Seibert ist seit 2003 Vorsitzender der Jüdischen
Gemeinde Pinneberg. Er ist Vertreter des liberalen Judentums und prominenter Förderer des interreligiösen Dialogs. Vor zwei Jahren schloss seine Gemeinde den bundesweit ersten christlich-jüdischen Partnerschaftsvertrag mit der evangelischen Jerusalem-Gemeinde in
Hamburg-Eimsbüttel. Für bundesweite Schlagzeilen sorgte Wolfgang Seibert auch, als seine Gemeinde im Sommer 2014 einem muslimischen Flüchtling Kirchenasyl gewährte.“

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Die Darstellung in Spiegel und Abendblatt sind noch im Detail zu kommentieren (erfolgt aus Zeitgründen später).
Es sind auch noch eigene Beobachtungen aus Hamburg und Pinneberg hinzuzufügen.

Zur ersten Orientierung und als erste Maßnahme gegen den antisemitischen Tenor der „Hochstapler-Meldung“ (die bereits in linken Kreisen akzeptiert wird), hier ein Rückblick auf einen ähnlichen Fall , der von 1998 bis 2001 durch die Medien ging:

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BIOGRAPHIE UND FIKTION.

Der Fall Wilkomirski

Vor mehr als siebzig Jahren nahmen Dr. Kurt Dössekker und seine Frau Martha einen kleinen Jungen als Pflegekind an. Die Dössekkers waren wohlhabende, deutschsprachige Schweizer, die in einer Villa im reichsten Stadtviertel Zürichs wohnten. Vielfach gefördert von den neuen Eltern, besuchte der Heranwachsende das Gymnasium; nach dem Studium arbeitete er als Musiklehrer.

In den 80er Jahren begann er Erinnerungen an seine frühe Kindheit aufzuschreiben. Diese hatten jedoch nichts mit seiner christlich geprägten Kindheit in der Schweiz zu tun, sondern mit einer jüdischen Kindheit, verbracht in verschiedenen nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

Diese Erinnerung konnte sich Bruno Dössekker, der inzwischen den Namen Binjamin Wilkomirski angenommen hatte, mit einer derartigen Klarheit ins Gedächtnis zurückrufen, dass er sie schließlich, ermutigt von Bekannten und einer Verlagsagentin, dem Suhrkamp-Verlag anbot. So erschien 1995 „Bruchstücke – Aus einer Kindheit 1939-1948“. Das Buch erhielt begeisterte Kritiken und zahlreiche Preise, es wurde mit Primo Levis Werken verglichen und in neun Sprachen übersetzt.

Als 1998, ausgelöst durch eine Untersuchung des Journalist Daniel Ganzfried, der Vorwurf erhoben wurde, diese KZ-Biographie sei frei erfunden, kam es zu einer erbitterten Kontroverse um den Fall Wilkomirski. Während Ganzfried recherchiert hatte, dass Wilkomirski in Wirklichkeit 1941 in der Schweiz als Bruno Grosjean zur Welt kam, wurde das Buch von anderen Autoren, darunter etlichen Überlebenden, verteidigt. Wilkomirski selbst hielt an seiner Behauptung fest, er sei seinerzeit von einem jüdischen Arzt mit dem wirklichen Bruno Grosjean vertauscht worden, seine Erinnerungen stimmten daher nicht mit der behördlich verordneten Identität überein. Aber auch unter den Skeptikern gab es unterschiedliche Bewertungen. Manche bezeichneten Wilkomirski als nüchtern kalkulierenden Betrüger, andere sahen eher die Tragik einer individuellen Lebensgeschichte und deren mediale Verwertung.

Heute weiß man, dass Ganzfried richtig recherchiert hat. Brunos alleinerziehende Mutter, die Fabrikarbeiterin Yvonne Grosjean, war ein halbes Jahr vor seiner Geburt von einem Auto angefahren worden und dadurch in ihrer Erwerbsfähigkeit lange Zeit eingeschränkt. Immer wieder sah sie sich gezwungen, Bruno bei verschiedenen Pflegefamilien oder in Heimen unterzubringen, bis sie ihn Ende 1945 endgültig zur Adoption freigab. Stefan Mächler, ein junger Züricher Historiker, der die Entstehung von Wilkomirskis Buch nun noch einmal akribisch recherchierte, ist es gelungen, mehrere Zeugen ausfindig zu machen, die den Verdacht von Ganzfried bestätigen konnten. Mächler sprach unter anderem mit dem Bruder von Brunos Mutter sowie mit seinem leiblichen Vater, der bis 1957 nachweislich Alimente gezahlt hatte. Außerdem mit dem Sohn einer der Pflegefamilien, in denen der Junge zeitweise gelebt hatte: in „Bruchstücke“ finden sich unverkennbar Geschichten aus dieser Zeit, die Wilkomirski einfach nach Polen verlegt hat. Mächler kontaktierte darüber hinaus mehrere Personen, von denen Wilkomirski behauptet, er sei ihnen schon in den Lagern und Heimen begegnet. Dabei wurde deutlich, dass Dössekker deren Lebensgeschichte in „Bruchstücke“ als die seine verarbeitet hat.

Die Beweise können nach alldem als eindeutig gelten. Doch ist der Fall Wilkomirski deshalb, wie einige Schweizer Kritiker nun meinen, eine Sache für die Staatsanwaltschaft? Tatsächlich weist der Fall Wilkomirski weit über juristische Fragen hinaus, denn die Fiktion von Authentizität, die zu erzeugen Bruno Dössekker so gut verstanden hatte, kann nicht allein durch die biographische Authentizitätsbehauptung des Autors entstanden sein. Wir haben es hier mit verschiedenen grundsätzlichen Problemen der Holocaust-Literatur zu tun:

So wird etwa von den Zeugnissen der Überlebenden erwartet, daß sie die Ereignisse, durch die sie hervorgebracht wurden, nicht nur darstellen und für sie einstehen, sondern auch, dass sie als dokumentarische Beweise fungieren. Die Erfahrung der Überlebenden in den Nachkriegsdemokratien zeigt jedoch, daß das Erlebte, wie ungeheuerlich es auch ist, in die Strukturen des bereits Bekannten transformiert werden muß, damit es kommunizierbar ist. Die unmittelbare Erfahrung konnte als solche demnach nicht in die soziale Wirklichkeit außerhalb der Lager eintreten, sie musste zuvor literarisch bearbeitet werden. Doch damit entsteht ein neues Problem: Währende diese Texte für den schreibenden Überlebenden Quelle der Beweiskraft seiner Worte sind und die Spuren des Verbrechens in seiner Erinnerung tragen, können die Leser diese Texte, gerade weil auch die Zeugnisliteratur literarisch gestaltet werden muß, diese nicht ohne weiteres von literarischen Strategien unterscheiden.

Hinzu kommt in diesem Fall, dass „Bruchstücke“ auch Resultat einer langjährigen, an der US-amerikanischen Recovered-memory-Debatte orientierten Therapie ist. Diese psychoanalytische Schule nimmt in der Arbeit mit Menschen, die nachweislich oder vermutlich Inszestopfer sind, die daran aber keine eindeutige Erinnerung haben, die Position ein, dass traumatische frühkindliche Ereignisse gespeichert werden und nachträglich in der Erinnerung wieder vergegenwärtigt werden können. Kritiker sagen, dass dieser Ansatz durch die ihm eigene Suggestivwirkung in einigen Fällen zu einem regelrechten Mythos der verdrängten Erinnerung überhöht wurde.

Nun hat schon Philip Roth ganze Romane über Menschen geschrieben, die vergeblich versuchen, Erzählung und Leben auseinanderzuhalten, und bei denen Biographie und Fiktion sich wechselseitig maskieren. James E. Young hat am Beispiel der Holocaust-Bekenntnisse von Silvia Plath, die niemals Opfer war, gezeigt, wie Menschen, die sich intensiv in die Verfolgung der Juden einfühlen, ihr eigenes Ich in die Bilder der Lager senken können. Man kann sich somit, auch ohne jede Fälschungsabsicht, in etwas hinein reden und am Ende glaubt man selbst daran.

Wilkomirski hat sich jahrelang intensiv mit dem Holocaust auseinandergesetzt, hat Reisen unternommen, mit Überlebenden gesprochen und dann sein eigenes Leben – ohne sich dabei als Fälscher zu fühlen – in bereits existierenden Vorstellungen vom Holocaust eingefügt. Während seiner öffentlichen Auftritte, die ihm viel Zustimmung einbrachten, verschmolz dieser Entwurf schließlich mit der Person. Der Suhrkamp-Verlag hat das Buch inzwischen zurückgezogen. (gj)

- wird fortgesetzt –

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